Leben mit dem Krebs (Update 2026)
Liebe Patienten und Angehörige,
ich bin zwischenzeitlich 64 Jahre und möchte Ihnen von meinen Erfahrungen mit dem Speiseröhrenkrebs berichten.
Im Februar 2022 also knapp vier Jahre ist es her, dass man bei mir einen Tumor diagnostiziert hat und – ich lebe noch. Ich ergänze: das Ganze auch noch gut und lebenswert. Sicherlich ist eine Sache des Betrachters, aber ich genieße tatsächlich – trotz einiger Einschränkungen – die mir geschenkte Zeit.
Auch hier muss ich noch etwas anfügen: Ich lebe viel bewusster, bin dankbar über meine geänderte Einstellung zu vielen Dingen, die ich früher einfach als selbstverständlich erachtet habe. Ich habe z.B. sehr bewusst die Natur erlebt, die Jahreszeiten – früher habe ich das gar nicht so intensiv wahrgenommen. Ähnlich erging es mir mit lieben Menschen, Frau, Familie, Freunde…
Insoweit sage ich Ihnen bereits jetzt zu Beginn meines Berichts: Es hat sich für mich gelohnt, durchzuhalten und, trotz aller Ängste, Schwierigkeiten, Schmerzen, auch vielen Tränen und den Operationen, nicht aufzugeben, sondern sich positiv aufzustellen – und auch selbst alles zu tun, um einen in Anführungszeichen guten Gesundheitszustand zu erreichen und auch zu halten.
Vielleicht finden Sie sich wieder, wenn ich Ihnen einen kurzen Überblick über mein Leben vor und mit und für einzelne hier mein Leben nach dem Krebs gebe.
Ich finde, ich war ein psychisch recht robuster und sportlicher Mann (knapp 1,90m knapp über 97kg und nochmal knapp über 60 Jahre.
Obwohl Beamter, habe ich tatsächlich viel gearbeitet. Ich leitete eine Dienststelle mit bis zu 25 Mitarbeitern, die einige hundert ehrenamtliche Einsatzkräfte in meiner Region um Koblenz betreute.
Ich gehörte und gehöre auch jetzt zu den langjährig Verheirateten, ernährte mich gesund, trieb 2-3x die Woche Sport und habe lediglich ein paar Jahrzehnte geraucht… warum, weiß ich nicht mehr.
Ich hatte ein paar Wehwehchen wie Meniskus, aber auch Herzrhythmus-störungen und erhöhte Cholesterinwerte. Aber zumindest habe ich die üblichen Vorsorgeuntersuchungen gemacht.
Nachdem ich im November/Dezember 2021 leichte Schluckbeschwerden bekam, schickte mich meine Hausärztin zur Magenspiegelung. Es war ein unvergessener Freitag im Februar, der mein Leben bis heute verändert hat.
Diagnose: Speiseröhrenkrebs
Ich habe viel geweint, und diese bedrückende Zeit in meinem Leben, wo ich nicht wusste wo die Reise hingeht, war sehr leidvoll. Da man so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, bekommt man nur sehr eingeschränkt mit, was diese Situation für die Angehörigen bedeutet, wie sehr sie mitleiden, mitweinen und wirklich alles geben. Das ist mir erst so viel später klar geworden, was ich zu diesem Zeitpunkt als so selbstverständlich in Anspruch genommen habe.
Neben der Familie haben mich Freunde und Mitarbeiter durch diese Zeit getragen. Die Sängerin Sia sang für mich „Never give up“ – es wurde zu meinem ständigen Begleiter.
Ich fing recht früh an, eine Art Tagebuch zu meiner Erkrankung zu schreiben. Vieles habe ich mir von der Seele schreiben können. Die nahezu 100 Seiten habe ich noch und bei Fragen von anderen Patienten lese ich auch schon einmal nach, wie es mir konkret in bestimmten Situationen ergangen ist.
Nach den vielen Untersuchungen begann im März 2022 die erste von vier Chemorunden. Ich habe einiges gelesen, aber die Suchmaschine im Netz nur ein einziges Mal befragt. Ich habe Dr. Google direkt wieder aus meinem Leben verbannt. Das war mir zu pessimistisch auch weil ja jeder irgendwie anders ist.
Jeder, der zur Krebsberatung geht, professionelle Informationen liest, sich an eine der wenigen SHG wendet und sich schlussendlich eine erfahrene Klinik aussucht, macht es richtig.
In der Zeit während der Chemos, die ich in Koblenz im BWZK verabreicht bekam, habe ich durch Zufall erfahren, dass man an der UK Köln wohl mehr Operationen an Speiseröhre/Magen ausführt als in Koblenz und damit auch mehr Erfahrungen mit meinem Krebs hat.
Ich habe mich an der UKK beraten lassen und war überzeugt, mich für die richtige Klinik entschieden zu haben. Tatsächlich war es eine, auch im Nachgang gute Entscheidung. Das was man mir vor der OP sagte, trat auch ein. So wie Sie konstituiert sind, wird die Durchführung problemlos sein; Sie werden 10-12 kg verlieren. Das war denn auch so – also so ungefähr.
Es ist schon eine sehr große und anstrengende OP – ganz bestimmt auch für die Operateure. Es dauert einfach. Auch danach. Ich lag bei 35 Grad im 18. Stock und bekam auch noch Corona. Aber auch das habe ich Dank der Impfungen gut weggesteckt.
Dann erhielt ich mein Ergebnis an einem Freitag Nachmittag von der Chefin der Klinik. Die Pathologie hatte nichts tumorhaftes entdeckt. Das war dann schon ein sehr emotionaler Moment… Ich war dann etwas länger in der UKK, bin dann aber direkt in die Anschlussheilbehandlung (kurz: Reha) bevor ich die zweite Runde Chemo verabreicht bekam. Diese Chemos haben mich echt geschlaucht, aber ich habe durchgehalten.
Das Leben war und ist seit der Operation und den Chemos so sehr viel anders. Das was bisher galt, muss man neu Denken und Lernen:
Essen, Trinken, Schwerbehinderung, Schlafen, Atmen, Verdauung, Sex, Bewegung, Gewicht, Leistungsfähigkeit, Psyche und anderes mehr.
Bei vielen Beschwerden helfen gute Medikamente – es hilft genauso der Austausch untereinander mit anderen Speiseröhren bzw. Mägen – es liegt aber auch vieles an einem selbst.
Ich war und bin recht fleißig, was den Sport angeht. Klar kann man sich auch nur auf Rezept bewegen, aber ich mache noch heute täglich Gymnastik oder Cardiotraining nach Youtube-Videos, fahre Fahrrad, gehe meine täglichen Schritte…
Fast alles wird besser, vielleicht nicht auf dem Niveau wie vorher, aber ich denke, dass es für mich akzeptabel ist. Im Juli 2025 habe ich z.B. eine Radtour an fünf Flüssen in Bayern gemacht und bin rund 360 km gefahren. Klar, die Etappen waren mit um die 80km nicht mehr so wie früher, aber trotzdem kann man so etwas mit angemessener Anstrengung und einem Durchhaltewillen hinbekommen.
Ich habe akzeptiert, dass meine psychische Leistungsfähigkeit nicht mehr zur Führung von auch noch so guten Mitarbeitern und insbesondere in belastenden Einsatzsituationen wie an der Ahr 2021 nicht mehr ausreicht. Deshalb habe ich die echt tolle Möglichkeit in Anspruch genommen, früher mit dem Arbeiten aufzuhören. Das heißt, ich bin jetzt im Ruhestand und kann neben meiner Dankbarkeit gegenüber all` den Menschen, die mich unterstützt, gepflegt oder behandelt haben, auch etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Ich arbeite ein bis zwei Tage die Woche ehrenamtlich für die Tafel in Koblenz und versuche mich in der Selbsthilfegruppe zu engagieren, die mich auch selbst gestützt hatte.
Um noch einmal den Bogen zum Anfang zu spannen: Die Krankheit ist bösartig und verlangt sehr viel Kraft, Mut und Ausdauer von Körper und Geist ab.
Für mich aber auch für sehr viele andere Patienten hat es sich gelohnt, sich von Beginn an auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Erfahrung der behandelnden Ärzte zu verlassen – und durchzuhalten.
Das Leben muss man nach der Behandlung aber wieder selbst in die Hand nehmen und für sein eigenes Wohl auch sorgen. Alte Gewohnheiten muss man ablegen und sein Leben neu denken und danach handeln. Ich würde diesen Weg wieder gehen. Und bitte – scheuen Sie sich nicht davor, den Austausch mit anderen Betroffenen zu suchen – es lohnt sich.
Ich wünsche allen Betroffenen aber auch ihren Angehörigen, viel Kraft, Durchhaltevermögen und alles Glück bei der Wiederherstellung Ihrer Gesundheit.
Christian W.
SELBSTHILFEGRUPPE